Morgen kaufen wir den Prompt
Drei Artikel haben mich diese Woche beschĂ€ftigt. Robin Sloan beschrieb 2020, wie eine App wie ein selbst gekochtes Essen sein kann â gebaut fĂŒr vier Menschen, fĂŒr niemanden sonst. FĂŒnf Jahre spĂ€ter ruft David Pierce auf The Verge die persönliche Software-Revolution aus. Und Thomas Ptacek zeigt auf sockpuppet.org, wie er sich in 30 Minuten einen eigenen Markdown-Viewer baut. Alle drei beschreiben dasselbe PhĂ€nomen â von auĂen. Ich stecke mittendrin.
Ich entwickle gerade ein Tool zur Ăberwachung von Webseiten. Es soll Ănderungen an Inhalten erkennen und mich benachrichtigen, wenn etwas passiert. Es gibt bereits Dienste, die genau diese Funktion anbieten, und einige davon sind sehr gut. Allerdings verlangen alle dafĂŒr eine GebĂŒhr.
Ich werde keines dieser Produkte kaufen. Nicht, weil sie schlecht wĂ€ren, sondern weil ich am Wochenende mit Claude zusammengearbeitet habe und wir in nur wenigen Stunden eine Lösung entwickelt haben, die meine Anforderungen besser erfĂŒllt als jedes dieser Produkte. Nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Tatsache.
Denn gekaufte Software muss fĂŒr viele passen. Sie trifft Entscheidungen zugunsten von AnschlussfĂ€higkeit, nicht zugunsten meines Prozesses. Sie ist so gebaut, dass sie in hundert verschiedene Workflows passt â und deshalb in keinen perfekt. Meine Software muss nur fĂŒr einen einzigen Kontext funktionieren: meinen. Das ist kein Kompromiss. Das ist ein struktureller Vorteil.
Und dann kam die Frage, die mich seitdem nicht loslĂ€sst: Wenn ich das kann â was kaufe ich dann eigentlich noch?
Von der Idee zum Prompt â ein Prozess, kein Moment
Die Antwort ist unbequemer als erwartet: weniger als heute â aber nicht wegen des Preises.
Der Prompt ist nicht der Startpunkt. Er ist das Ergebnis.
Das Bauen ist die Methode, mit der man das Verstehen erzwingt. Man fĂ€ngt an, stöĂt auf Fragen, die man vorher nicht hatte, und trifft Entscheidungen, die die Idee erst scharf machen. Am Ende steht nicht nur ein Tool â sondern ein VerstĂ€ndnis des Problems, das prĂ€zise genug ist, um es zu beschreiben.
Erst jetzt entsteht der Prompt, der sich weitergeben lÀsst.
Die eigentliche Arbeit ist nicht das Bauen. Sie ist das Verstehen. Wer nie selbst iteriert, wer nie gegen die Grenzen einer vagen Idee gestoĂen ist, hat keinen Prompt â er hat eine Wunschliste.
Und Wunschlisten lassen sich nicht verkaufen.
Die unsichtbare HĂŒrde
WĂ€hrend ich diesen Artikel schreibe, fĂ€llt mir auf: Ich brauche ein kleines Tool. Einen Markdown-Editor, der mir erlaubt, Anmerkungen direkt im Text zu hinterlassen â nicht in einem separaten Dokument, nicht per Copy-Paste, sondern inline, neben den AbsĂ€tzen. Sowas wie Kommentare in Google Docs, nur fĂŒr meinen lokalen Workflow.
Ich weiĂ, dass ich es bauen könnte. Ich weiĂ ungefĂ€hr, wie es aussehen wĂŒrde. Und trotzdem zögere ich.
Nicht wegen der Kosten. Nicht wegen fehlender Kompetenz. Sondern wegen der 20 Minuten. Oder sind es zwei Stunden? Oder doch mehr? Das Zögern entsteht nicht aus UnfĂ€higkeit, sondern aus Unsicherheit ĂŒber den Aufwand â und aus der leisen Angst, mitten in einer anderen Aufgabe steckenzubleiben.
Das ist die neue HĂŒrde. Sie ist nicht mehr technisch. Sie ist psychologisch.
Wer heute mit KI-Assistenten arbeitet, merkt schnell: Das Bauen selbst ist nicht mehr das Problem. Das Problem ist zu wissen, was man will. PrĂ€zise genug, um es zu beschreiben. Konkret genug, um den ersten Schritt zu machen. Die Barriere hat sich verschoben â vom Können zum Wollen. Und das ist eine FĂ€higkeit, die man ĂŒben muss.
Die Kehrseite: Was verkaufst du dann noch?
Wenn ich ein Tool bauen kann, das meine BedĂŒrfnisse besser erfĂŒllt als ein kommerzielles Produkt, was bedeutet das fĂŒr die Anbieter solcher Produkte? Was bedeutet es fĂŒr jeden, der Software verkauft?
Nehmen wir mein Monitoring-Tool als Gedankenexperiment: Angenommen, ich wĂŒrde es anbieten wollen. Was wĂ€re mein Produkt? Die Software selbst? Die ist in wenigen Stunden replizierbar. Der Code? Bedeutungslos, sobald jemand denselben Prompt ausfĂŒhrt. Die Infrastruktur? Commodity.
Was bleibt, ist die Idee. Die Beobachtung, dass ein bestimmtes Problem existiert. Die genaue Beschreibung, wie eine Lösung aussehen soll. Das Urteilsvermögen, zu erkennen, ob das Ergebnis gut ist.
Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht.
Ein Prompt fĂŒr ein gutes Monitoring-Tool zu schreiben ist keine triviale Aufgabe. Er muss das Problem prĂ€zise beschreiben: Welche Art von Ănderungen interessieren mich? Wie soll Benachrichtigung funktionieren? Was sind GrenzfĂ€lle? Was ist explizit nicht gewĂŒnscht? Ein vager Prompt produziert vage Software. Die Arbeit hat sich verschoben â vom Tippen von Code zum Denken ĂŒber das Problem.
Die These: Die Idee wird zum Asset
Ideen brauchen immer ein Medium. Musik braucht eine Aufnahme, ein Buch braucht einen Verlag, ein Film braucht ein Studio. In all diesen FĂ€llen trennt die Produktionsbarriere die Idee von ihrer Umsetzung â und wer die Mittel zur Produktion kontrolliert, kontrolliert den Zugang zum Markt.
Software war dasselbe â aber mit einem entscheidenden Unterschied. Bei Musik oder BĂŒchern musste jemand produzieren. Bei Software musste jemand ĂŒbersetzen. Die Idee existierte in einer Sprache, die Maschinen nicht verstanden. Entwickler waren keine Produzenten â sie waren Dolmetscher. Und Dolmetscher sind schwer zu ersetzen.
Der Code war das Asset, weil die Ăbersetzung das Eigentliche war.
Das stimmt nicht mehr.
Code ist heute so leicht herzustellen wie Text. Was Wert hat, ist die Beschreibung dessen, was der Code tun soll. Der Kontext. Das Wissen ĂŒber den Nutzer, das Problem, die EinschrĂ€nkungen. Die FĂ€higkeit, ein Problem so prĂ€zise zu formulieren, dass eine Maschine es lösen kann.
Mit anderen Worten: Die Spezifikation ist das Produkt.
Das ist eine radikale Verschiebung. Nicht weil Entwickler ĂŒberflĂŒssig werden â wer beurteilt, ob das Ergebnis gut ist, braucht nach wie vor tiefes VerstĂ€ndnis. Aber die Wertschöpfung sitzt woanders. Sie sitzt beim Menschen, der das Problem kennt, der die richtigen Fragen stellt, der erkennt, wann die Lösung fertig ist.
Heute kaufen wir Software. Morgen kaufen wir den Prompt.
WofĂŒr gilt das â und wofĂŒr nicht?
Das ist die Frage, die ich nicht abschlieĂend beantworten kann. Und ehrlich gesagt: die ich auch nicht beantworten will. Denn ich glaube, dass die richtige Antwort vom Kontext abhĂ€ngt â und dass sie sich gerade erst herausschĂ€lt.
Meine Beobachtung: Es gilt ĂŒberall dort, wo Software ein Werkzeug ist. Wo sie eine klar umrissene Aufgabe erfĂŒllt, die jemand beschreiben kann, der das Problem versteht.
Es gilt vielleicht weniger dort, wo Software ein Netzwerk ist. Wo der Wert nicht in der FunktionalitĂ€t liegt, sondern in der kritischen Masse der Nutzer. Wo Integration, Vertrauen und VerlĂ€sslichkeit ĂŒber Jahre aufgebaut wurden.
Und es gilt möglicherweise gar nicht dort, wo Software regulierte Infrastruktur ist â wo Zertifizierungen, Haftung und Compliance die eigentliche Leistung sind, nicht der Code.
Aber das sind meine vorlÀufigen Antworten. Ich bin neugierig auf eure.
Wo in eurer Arbeit kauft ihr heute noch Software, die ihr morgen selbst bauen wĂŒrdet? Und umgekehrt: Wo entwickelt ihr noch etwas per Hand, obwohl ein gut formulierter Prompt es genauso gut könnte?
Was bleibt
Ich werde mein Monitoring-Tool weiterentwickeln. Nicht weil ich glaube, dass ich damit ein GeschĂ€ft aufbauen kann. Sondern weil es genau das tut, was ich brauche â und weil ich dabei gelernt habe, wie ich das nĂ€chste Problem beschreibe.
Das fĂŒhlt sich wie die wichtigere Kompetenz an. Nicht das Bauen. Das Beschreiben.
Wer lernt, Probleme prÀzise zu formulieren, wird nicht ersetzt. Er wird derjenige, der die Maschine anweist.
Und das ist, finde ich, eine ziemlich gute Position.
Dieser Artikel ist der erste einer losen Reihe ĂŒber Software, KI und die Frage, was eigentlich Wert hat.